Murrhardt Historisch

Das 19. Jahrhundert - Ferdinand Nägele und die Eisenbahn

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse bescheiden. Die napoleonischen Kriege waren aufgrund durchziehender und in der Stadt Quartier nehmender Truppen für die Bevölkerung eine Last.

1806 kam das bis dahin in Murrhardt ansässige Oberamt nach Backnang, 1838 wurde die letzte überregionale Behörde, das Kameralamt (Finanzamt), ebenfalls nach Backnang verlegt. Alle Faktoren, die in früheren Zeiten das wirtschaftliche Leben der Stadt beeinflußt hatten - das Kloster und die genannten Ämter - fielen nun aus.

Dennoch nahm die Bevölkerung zu: um 1830 überschritt sie die Zahl 2000. Im "Städtle" entfalteten sich zunächst langsam, mit fortschreitender Zeit aber immer mehr Handel, Handwerk und Gewerbe.

In dieser Zeit war Murrhardt nur sehr schlecht an die Verkehrswege angeschlossen: erst im September 1843 wurde eine Postexpedition eingerichtet. Die meisten Waren wurden mit Pferdefuhrwerken transportiert. Kein Wunder, daß man sich sehnlichst wünschte, Anschluß an das neue Verkehrsmittel, die Eisenbahn, zu bekommen. Die Einwohner des Murrtals mußten jedoch noch lange Jahre darauf warten.

1998 gedenkt Deutschland an die bürgerlich-demokratische Revolution vor 150 Jahren. 1848 wurde versucht, eine freiheitlich-demokratische Staats- und Gesellschaftsordnung zu schaffen. Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit und vor allem auch Einheit Deutschlands war das Ziel.

Auch in Murrhardt gab es freiheitlich-demokratisch gesinnte Bürger. Der bekannteste und berühmteste von ihnen war der Schlossermeister Ferdinand Nägele (1808-1879). Im März 1848 wurde er mit überwältigender Mehrheit zum Abgeordneten der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche, des ersten demokratisch gewählten deutschen Parlaments, gewählt. Er war  übrigens der einzige Handwerker in diesem Beamten- und Professoren-Parlament. 

Regelmäßig schrieb er für mehrere Zeitungen seines Wahlkreises Backnang-Weinsberg Berichte über die Arbeit der Nationalversammlung und über besondere Ereignisse.

Ferdinand Nägele war ein vielfach ehrenamtlich tätiger und engagierter Bürger, der sich um das Wohl seiner Mitmenschen verdient machte. Doch als ihn die Murrhardter 1853 zum Stadtschultheißen gewählt hatten, annulierte das württembergische Ministerium des Innern die Wahl. Nägele durfte sein Amt nicht antreten.

Der politische Erfolg blieb Ferdinand Nägele, wie so vielen seiner Zeit- und Gesinnungsgenossen, versagt. Doch ein anderes Ziel, auf das er lange Jahre hinarbeitete, wurde kurz vor seinem Tod verwirklicht: der Anschluß Murrhardts an die Eisenbahn im Jahre 1878, der "Beginn einer neuen Zeit" (Dr. Peter Steinle).

Der Eisenbahnanschluß war ein wirtschaftsgeschichtlicher Wendepunkt für Murrhardt. Das Holz, ein Hauptprodukt der Gegend, wurde durch die Transportmöglichkeit per Bahn wieder konkurrenzfähig. Die Industrialisierung Württembergs ab 1870 setzte den Handwerksbetrieben hart zu und erzwang den Übergang von der handwerklichen zur industriellen Produktionsweise. 1871 und 1874 wurden die ersten "Fabriken" errichtet.

Bereits im Jahr 1884 fand in Murrhardt eine große Gewerbeschau statt, und kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert stieg die Zahl der Industrieunternehmen in Murrhardt beträchtlich an.


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