Murrhardt Historisch

Gewerbe- und Industriegeschichte

Der Ursprung der zentralen Funktion der Stadt für das relativ kleine Gebiet des Murrhardter Waldes liegt wohl im Wirken und Besitz des Benediktiner-Klosters begründet – nach der Reformation weitergeführt als Staatsdomäne mit Klosteramt, aus welchem sich später ein Ober- und Kameralamt entwickelte. Bis etwa 1750 war das Kloster der entscheidende Wirtschaftsfaktor für die in seiem Schatten heranwachsende Siedlung, die zu Beginn des 14. Jahrhunderts zur Stadt erhoben worden war und damit wichtige Rechte wie das Marktprivileg und Gerichtsprivileg erhalten hatte.

Aufgrund seiner relativ schlechten Verkehrsanbindung war Murrhardt aber seit dem frühen Mittelalter nicht gerade für eine prosperierende wirtschaftliche Entwicklung prädestiniert. War es doch vom Einzugsgebiet der einzigen wichtigen Fernstrasse dieser Gegend im Mittelalter, der Strasse Schwäbisch Hall – Mainhardt – Löwenstein, durch unwegsame Waldschluchten getrennt.

Bis zum 19. Jahrhundert behinderte die isolierte Lage den Handelsverkehr der Stadt mit den aufstrebenden Wirtschaftszentren Württembergs um Stuttgart, Esslingen und Heilbronn.

Im Zuge der napoleonischen Säkularisierung 1806 kam das bis dahin in Murrhardt ansässige Oberamt nach Backnang, 1838 wurde die letzte überregionale Behörde, das Kameralamt (Finanzamt), ebenfalls nach Backnang verlegt. Alle Faktoren, die in früheren Zeiten das wirtschaftliche Leben der Stadt beeinflusst hatten - das Kloster und die genannten Ämter - fielen nun aus. Dennoch nahm die Bevölkerung zu: um 1830 überschritt sie die Zahl 2000.

In der zweiten Hälfte des 18. und im 19. Jahrhundert entfalteten sich Handwerk und Gewerbe in der Stadt stärker und beendeten die weitgehende wirtschaftliche Abhängigkeit von dem als Staatsdomäne geführten Kloster. Zusammen mit der nach wie vor dominierenden Land- und Forstwirtschaft bestimmten diese Wirtschaftszweige die Erwerbsgrundlage der Bevölkerung bis ins 20. Jahrhundert hinein.

Mitte des 19. Jahrhunderts zwang der Mangel an Arbeitsplätzen und die Tendenz zur Verarmung viele Familien, nach Amerika auszuwandern.

Das Handwerk, das sich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, insbesondere in der Zeit nach dem Stadtbrand 1765 stark ausgedehnt hatte, begann unter der zunehmenden Industrialisierung zu leiden. Die Murrhardter Schuhmacher konnten nicht mehr mit der in Backnang beginnenden fabrikmäßigen Herstellung von Schuhen konkurrieren und die Holzhandwerke gerieten ins Hintertreffen, weil der Schwarzwald durch eine Eisenbahn erschlossen worden war und dadurch billiger in den Raum Stuttgart liefern konnte.

Murrhardt hingegen war in dieser Zeit mangelhaft an Verkehrswege angeschlossen: Erst im September 1843 wurde eine Postexpedition eingerichtet. Die meisten Waren wurden mit Pferdefuhrwerken transportiert.

Den Beginn einer neuen Zeit markierte das Jahr 1878, als mit dem Eisenbahnanschluss des oberen Murrtales ein wirtschaftsgeschichtlicher Wendepunkt für Murrhardt eingeleitet wurde: Das Holz, ein Hauptprodukt der Gegend, wurde durch die Transportmöglichkeit per Bahn wieder konkurrenzfähig.

1871 und 1874 wurden die ersten "Fabriken" errichtet. Bereits im Jahr 1884 fand in Murrhardt eine große Gewerbeschau statt, und mit dem Jahr 1890 begann in Murrhardt das Zeitalter der Industrialisierung. Die Buntweberei Elsaß & Cie. Aus Stuttgart richtete eine Niederlassung für ca. 100 Arbeitskräfte. Diese Entwicklung setzte sich fort, insbesondere im Bereich der Waagenherstellung, die aus handwerklichen Anfängen heraus zu industriellen Fertigungsmethoden fand.

Die Zeit des Fortschritts brach an: die Wirtschaft entwickelte sich durch die Industrialisierung stetig weiter und wuchs. In Murrhardt wurde die Infrastruktur mit Wasserleitungen, Straßen- und Wegenetz, Abwasser usw. in mehreren Etappen auf- und ausgebaut.

1916 begann sich von Backnang her ein Betrieb aus der Lederbranche zu etablieren, zunächst nur um Gerbstoffe zu erzeugen, ab 1920 mit einer vollständigen Lederfabrik, die in den 30er Jahren mit ca. 300 Beschäftigten zum größten Arbeitgeber der Stadt wurde.

Parallel zum Aufbau der Industrie liefen bereits ab 1875 Bemühungen, den Fremdenverkehr als weitere Erwerbsquelle zu etablieren. Mit dem Anschluss an die Eisenbahn und der Verleihung des Prädikats „Luftkurort“ waren die Erfolge unverkennbar. Bis 1975 trug Murrhardt die Bezeichnung "Luftkurort", seit 1979 ist die Stadt staatlich anerkannter Erholungsort. Bereits um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert war Murrhardt bekannt als Aufenthaltsort und Sommerfrische für gut situierte Familien aus Industrie- und Beamtenkreisen sowie als Wohnsitz für Pensionäre aus allen Bevölkerungsschichten. Von 1300 im Jahre 1912 stiegen Übernachtungen auf 10.000 im Jahr 1976 an, mit den Übernachtungen in der Jugendherberge und dem Campingplatz sind es 18.782 Übernachtungsgäste in diesem Jahr 1976.

Im 20. Jahrhundert hatte die ortsansässige Industrie drei Schwerpunkte: Im Metall verarbeitenden Bereich den für Murrhardt traditionellen Waagenbau (Fa. Soehnle), die Herstellung von Elektrowerkzeugen (Fa. Bosch) und die Pelzveredelung in Verbindung mit der Lederherstellung (Fa. Schweizer). Die Holzbe- und Verarbeitung spielt in einigen kleineren Betrieben eine Rolle.

Im Jahr 1978 erbrachten 10 größere Betriebe 76% des Gewerbesteueraufkommens, die übrigen 24% eine Reihe von Kleinbetrieben.

Mit zunehmender Globalisierung gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurde der Konkurrenzdruck auf die etablierten Murrhardter Großbetriebe immer stärker. Infolge dessen ging insbesondere die Waagen- und die Lederproduktion in Murrhardt stark zurück, was die Arbeitsplatz-Situation empfindlich beeinflusste.


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