evang. Kirche | Bild von J. Ernst

Das Kloster Murrhardt

Klostergründung

Auf dem Hügel, wo sich heute die Walterichskirche befindet, soll der Sage nach um 800 der fromme Geistliche Walterich gelebt haben. Er kam um 796 nach Murrhardt und entstammte dem fränkischen Hochadel. Ein Teil der historischen Forschung nimmt an, er sei ein illegitimer Sohn Kaiser Karls des Großen gewesen.

816/17 gründete Walterich mit tatkräftiger finanzieller Unterstützung des Kaisers Ludwig des Frommen, Sohn Karls des Großen, das Benediktinerkloster Murrhardt.

Am Anfang stand ein Konvent mit zwölf Brüdern, die teilweise von der Insel Reichenau im Bodensee kamen, und Walterich wurde erster Abt. Der Kaiser schenkte dem neuen Kloster das nötige Land und gab bald darauf die Pfarreien von Murrhardt, Sulzbach und Fichtenberg hinzu. In einer weiteren Schenkung übereignete der Kaiser mehrere Höfe und Güter mit den dort wohnhaften Personen den Murrhardter Mönchen. Der Person Walterichs kam unter der Regierung Ludwigs des Frommen ein hoher Stellenwert zu. So nahm er an kaiserlichen Gesandtschaften und Reichsversammlungen teil und soll Beichtvater des Kaisers gewesen sein.

Um Walterich ranken sich viele Legenden. Er sei ein wundertätiger Mann gewesen und habe allerlei Krankheiten heilen können. Schon zu Lebzeiten reichte sein Ruf weit hinaus ins Land, sogar Kaiser Ludwig der Fromme, suchte seinen Rat. Nach Walterichs Tod und seiner Beisetzung in der Kirche traf sich jährlich am Ende der Karwoche eine sich stetig vergrößernde Pilgerschar an seiner Grabstätte.  Bald entwickelte sich eine Wallfahrt mit Pilgern aus nah und fern zu seinem Grab in der Walterichskirche. Dort sollen viele Wunderheilungen geschehen sein, wird berichtet.

1612 wurde die "wundertätige" Grabplatte zerschlagen und aus den Teilen ein Opferstock angefertigt, der neben dem Haupteingang der Walterichskirche in die Wand eingemauert ist. Der alte Wunderglaube übertrug sich nun auf diesen Opferstock.

Die seit der Reformation evangelische Karfreitagswallfahrt ging bis in die Dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts weiter.

Auch das Kloster wollte seinen Gründer auf angemessene Weise ehren. Um 1050 entstand für ihn unter dem Westchor der Klosterkirche eine Krypta als interne Verehrungsstätte. Anfang des 13. Jahrhunderts wurde ein Pilgerweg zwischen der Klosterkirche und der Pfarrkirche St. Maria auf dem Berg gebaut. Dazu gehörte neben einem "Wallfahrtportal" in der Nordwand der Pfarrkirche auch eine "Büßertreppe", auf der die Pilger kniend hinaufrutschten. Sie wurde erst vor etwa 50 Jahren beseitigt. Um 1226/27 wurde Walterich auf Betreiben des Murrhardter Klostervogts Graf Berthold von Wolfsölden und des Abtes seliggesprochen.

Kanonisiert, also heiliggesprochen, wurde "der wichtigste Murrhardter" (Dr. Rolf Schweizer) zwar nie, dennoch spricht der Volksmund seit altersher von "Sankt Walterich" und verehrte ihn auch als solchen.

Zu seinen Ehren wurde die Walterichskapelle erbaut, ein besonders schönes Kleinod spätromanischer Baukunst. Der Baumeister Gottfried  war ein Mönch der Großkomburg bei Schwäbisch Hall. Er errichtete um 1230 ein Oratorium für Seelenmessen, das symbolisch für den Urkonvent des Klosters, zwölf Mönche und Walterich, gedacht war.

Das ehemalige Kloster Murrhardt

Schon immer waren in Murrhardt Stadt und Kloster eine Einheit, gemeinsam im mittelalterlichen Mauerring eingeschlossen. Vom Kloster ist noch fast alles erhalten, mit Ausnahme zweier Gebäudeflügel der Klausur und des dazugehörigen Kreuzganges. Der weitläufige Wirtschaftshof (Klosterhof) ist umschlossen von Wirtschaftsgebäuden verschiedener Zweckbestimmung und  alten Stallungen. Besonders beeindruckend ist der "Lange Bau" von 1550. Im Süden stehen die große Zehntscheuer, 1535 erbaut, und die "Faselvieh-" oder "Hummel"-scheuer für männliche Zuchttiere aus dem 18. Jahrhundert.

Im Westen steht das große, zur Zeit des berühmten Prälaten F. Chr. Oetinger 1770 neuerbaute Pfarrhaus, Neue Abtei oder Prälatur genannt. Daneben steht der 1499 unter Abt Schradin erbaute einzige erhaltene Wehr- und Gefängnisturm, als "Hexenturm" bezeichnet. In seiner Nähe stand bis zum Dreißigjährigen Krieg die Klostermühle. 1720 wurde an ihrer Stelle die "Pfarrscheuer" errichtet.

Die südliche Hälfte der westlichen Marktplatzseite wurde einst vom Klostertor mit Torhaus und der Klosterapotheke, der heutigen St. Walterichsapotheke, eine der ältesten Apotheken Württembergs, beherrscht. Hinter ihr lag der Kräutergarten des Klosters. Im früheren Klosterverwaltungsgebäude befindet sich jetzt das Informationszentrum des Naturparks Schwäbischer Wald und die Kreissparkasse.

Das innere Klosterareal setzte sich zusammen aus Klausurbereich, Kirche und Kapelle mit Friedhof. Die Klausur, einst Wohn- und Lebensbereich der Mönche, war hufeisenförmig an die Kirche angesetzt mit Kreuzgang und Kreuzgarten. Im Dreißigjährigen Krieg  wurde der Westflügel mit Kapitelsaal und Krankenbereich zerstört. Den Osttrakt mit Parlatorium (Gesprächssaal) und Dormitorium (Schlafsaal) sowie einem Kreuzgangabschnitt aus der Renaissance hat man erst 1870 anläßlich einer umfangreichen Renovierung der Kirche abgerissen. Der Südflügel mit Refektorium (Speisesaal) von 1330 und Alter Abtei, einem romanischen Steinhaus von 1130, wird jetzt als evangelisches Gemeindehaus genutzt.

Die ehemalige Klosterkirche (jetzt Stadtkirche), den Heiligen Januarius, Maria, Johannes dem Täufer und der Heiligen Dreifaltigkeit geweiht, stammt in ihrem jetzigen Baubestand zum größten Teil aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, die beiden romanischen Osttürme aus der Zeit um 1130, der Chorschluß dazwischen von 1330. Nördlich daran angebaut ist die Walterichskapelle, vollendet um 1230.

Das Kloster Murrhardt erlebte im Lauf seiner über 850jährigen Geschichte von der Gründung um 816 bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges viele Höhen und Tiefen.

Vor seinen Toren entstand bald eine Siedlung, die rasch wuchs und sich zur Stadt entwickelte. Schon um 1200 besaß der Ort Marktrechte, und 1288 erhob der Klostervogt Albrecht von Habsburg, Sohn Rudolfs von Habsburg, Murrhardt zur Stadt.

1388 kamen Stadt und Vogteirechte über das Kloster durch Kauf an die Grafen von Württemberg, die verschiedene Neu- und Umbauten in der Stadt und am Kloster durchführen ließen.

1525 litten Stadt und Kloster unter dem Bauernkrieg. Ein wilder hällisch-limpurgischer Bauernhaufen drang gewaltsam in die Klosterbibliothek ein und vernichtete einen Großteil der wertvollen Bestände, außerdem wurden mehrere Klostergebäude zerstört.

1534 wurde durch Herzog Ulrich von Württemberg die Reformation eingeführt. Zur Verwaltung der Klöster verblieben Abt und Prior als herzogliche Beamte vor Ort.

Von 1548-53 versuchte der "aufrechte Benediktiner"-Abt Thomas Karlin, das Rad der Geschichte nochmals zurückzudrehen und das Kloster zu restituieren. In dieser Zeit wurde die (erhaltene) "Murrhardter Klosterchronik" vom Chronisten Widmann dem Abt geschenkt.

1556 wurde das Kloster unter Herzog Christoph nach einem "Interimsstatus" aufgelöst. Sein Standbild stand fast 250 Jahre lang auf einem Brunnen im Klosterhof und wurde 1790 auf den Marktbrunnen versetzt. Das Original befindet sich heute im Carl-Schweizer-Museum.

Von 1556 bis 1634 existierte ein evangelisches Klosteramt.

Während des Dreißigjährigen Krieges, von 1635 (nach der Schlacht bei Nördlingen) bis 1648 war das Kloster wieder im Besitz der Benediktiner, die es erst nach dem Westfälischen Frieden unter Protest räumten. Das evangelische Klosteramt wurde wiederherge-stellt und existierte dann bis zur Säkularisation 1806.

Nach der Reformation und auch nach dem Dreißigjährigen Krieg wurden in den beiden Murrhardter Kirchen größere Umbauten vorgenommen, um die Räume den Erfordernissen des evangelischen Predigtgottesdienstes anzupassen.

1867 erhielt die evangelische Kirchengemeinde die frühere Klosterkirche aus Staatsbesitz übereignet. Nach umfangreichen Renovierungsarbeiten heißt sie seitdem "Stadtkirche". Dagegen ist die Walterichskapelle bis heute Staatsbesitz.


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